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20.
Juli
2009

Akupunktur - immer noch ein Placebo

Geschrieben von Michael Hohner am 20. Juli 2009, 19:36:36 Uhr:

Auf dem Nachrichtenportal von n-tv war im Dezember folgende Meldung zu lesen:

Berührung reicht – Akupunktur hilft ohne Nadel

Das ist eine etwas erstaunliche Überschrift, denn die bisherige medizinische Forschung hat gerade gezeigt, dass Akupunktur nicht hilft, sondern nur ein Placebo ist. Die Meldung macht also neugierig darauf, was tatsächlich in der genannten Studie steht.

Die ursprüngliche Quelle der Meldung wird bei n-tv nicht genannt. Über eine schnelle Google-Suche findet man zumindest die Zusammenfassung der Studie.

Hier kurz der Inhalt: Es wurden insgesamt vier Studien durchgeführt. In der ersten Studie wurden Krebspatienten, die unter Übelkeit durch die Therapie litten, der Standardbehandlung für diese Symptome unterzogen. Was diese Standardbehandlung ist, bleibt offen, aber es dürfte wohl ein übliches Medikament sein.

In der dritten Studie wurden die Probanden zufällig in zwei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe erhielt „echte” Akupunktur zur Behandlung der Übelkeit, die zweite Gruppe vorgetäuschte Akupunktur. Bei letzterer kommen Nadeln zum Einsatz, die bei Druck nicht in die Haut eindringen, sondern sich in den Nadelgriff zurückschieben. Für den Patienten ist der Unterschied zwischen beiden Methoden nicht erkennbar. Mit anderen Worten, die vorgetäuschte Akupunktur ist ein geeignetes Placebo für die „echte” Akupunktur. Im Anschluss wurden die Patienten nach dem Erfolg der Behandlung befragt.

Das Ergebnis: Bei beiden Gruppen der dritten Studie ergab sich in etwa der gleiche Behandlungserfolg, wobei die zweite Gruppe mit der Placebobehandlung sogar eine geringfügig bessere Bewertung abgab. Beide Gruppen der dritten Studie bewerteten aber den Erfolg besser als die Probanden der ersten Studie.

Und nun kommt der kritische Teil, die Bewertung des Ergebnisses. Normalerweise, wenn in einer klinischen Studie die Ergebnisse von Placebo und echter Behandlung in etwa gleich sind, dann ist das als negatives Ergebnis für die zu prüfende Behandlung zu bewerten, oder einfacher gesagt, die getestete Behandlung ist wirkungslos. Dies wird sogar in der Zusammenfassung der Studie explizit so benannt:

The choice of performing acupuncture during radiotherapy cannot be based on arguments that the specific characters of verum acupuncture have effects on nausea.

Der Unterschied zwischen der ersten und dritten Studie ist leicht erklärbar: (wobei es etwas kritisch ist, die beiden Studien zu vergleichen. Schließlich handelt es sich um zwei getrennte Studien, nicht um drei Gruppen in der gleichen Studie. Die Zuordnung der Probanden in die drei Gruppen ist also nicht vollständig randomisiert.) Die intensivere Behandlung der Akupunkturpatienten bewirkt einen stärkeren Placeboeffekt, unabhängig von der Wirksamkeit der eigentlichen Behandlung.

Hier stellt sich also die Frage, wie n-tv aus diesem Ergebnis eine Schlagzeile konstruieren kann, die genau das Gegenteil besagt. Das ist umso verwunderlicher, da in dem n-tv-Artikel selbst die korrekte Schlussfolgerung genannt ist:

Offensichtlich gehe der Erfolg der Akupunktur nicht auf die traditionelle Methode an sich zurück, folgert Enblom. Stattdessen wirke die verstärkte Zuwendung, die eine Akupunkturbehandlung mit sich bringe: Patienten führten Gespräche mit dem Akupunkteur, sie würden berührt, sie hätten mehr Zeit für sich und mehr Entspannung.

Offensichtlich hat n-tv die Meldung einfach von der offiziellen Pressemeldung abgeschrieben. Auch dort wird im Text die korrekte Schlussfolgerung genannt, der Titel jedoch besagt das genaue Gegenteil:

Acupuncture just as effective without needle puncture

Hier sind also eine Verkettung von zwei Problemen zusammengekommen:

  1. Die Verfasser der usprünglichen Pressemeldung haben entweder den Inhalt der Meldung nicht verstanden und eine falsche Schlagzeile produziert, oder es wurde sogar versucht, ein negatives Ergebnis in ein positives umzuwandeln.
  2. Die Redakteure haben diese Meldung einfach übernommen, ohne selbst den Inhalt verstanden, geschweige denn zumindest die Zusammenfassung der Studie gelesen zu haben.

Das wirft kein gutes Licht auf die Wissenschaftsredaktion von n-tv. Das Schlimme daran ist, dass beim Leser, der die Meldungen nur überfliegt, hauptsächlich die Schlagzeile hängenbleibt, also „Akupunktur hilft” statt dem korrekten „Akupunktur ist wirkungslos”.

Leider ist das in den anderen Nachrichtenportalen nicht besser:

Nach dem gleichen Schema wurde die Pressemeldung kopiert, und ebenso eine Schlagzeile gesetzt, die das genaue Gegenteil der Meldung enthält.

Leider passt dieser Vorgang ins größere Bild. Kaum eine Wissenschaftsredaktion führt überhaupt noch eigene Recherchen durch, sondern beschränkt sich auf das Abtippen von Pressemeldungen.

Kategorien: Akupunktur, Presse

Auf dem Nachrichtenportal von n-tv war im Dezember folgende Meldung zu lesen: Berührung reicht – Akupunktur hilft ohne Nadel Das ist eine etwas erstaunliche Überschrift, denn die bisherige medizinische Forschung hat gerade gezeigt, dass Akupunktur nicht hilft, sondern nur ein Placebo ist. Die Meldung macht also neugierig darauf, was tatsächlich in der genannten Studie steht.

Kommentar #1-1 von Michael Hohner am 2. November 2009, 19:52:10 Uhr:
Zu dieser Anekdote gibt es einige Punkte zu sagen:

  1. Der Placeboeffekt wird oft missverstanden. Es ist nicht so, dass nur ein Placebo einen Placeboeffekt hat. Auch ein echtes Medikament hat einen Placeboeffekt, der zur eigentlichen Wirkung noch hinzukommt. Wenn man also die Wahl hat zwischen Placeboeffekt+Wirkung und nur dem Placeboeffekt, dann ist ersteres die bessere Wahl.
  2. Wenn eine Wirkung nur einmal bemerkt wird und dann nicht wieder, dann spricht das eher dafür, dass die Erkrankung sowieso schon am Anfang der Besserung stand, dass also die Behandlung nicht der Auslöser der Besserung war. Es gab also einen nur rein zeitlichen Zusammenhang, keinen ursächlichen.

Der Zweck von klinischen Studien ist es gerade, die Unsicherheiten des Placeboeffekts und der rein zufälligen Zusammenhänge auszufiltern. Ein Medikament oder eine Behandlung bezeichnet man dann als wirksam, wenn der Effekt größer ist als der Placeboeffekt, und wenn er bei vielen Personen reproduzierbar auftritt. Aus einem einmaligen Effekt bei einer Person kann man keine Schlüsse ziehen. „Wirkungslos” steht hier auch nur für „Effekt nicht größer als der Placeboeffekt”.

Pseudomedizin wie die Bachblütentherapie lebt alleine vom Placeboeffekt und vom Logikfehler „post hoc ergo propter hoc”, also der Annahme, dass zwei zeitlich nacheinander auftretende Ereignisse auch Ursache und Wirkung darstellen. Unter kontrollierten Bedingungen ist keine Wirkung über dem Placeboeffekt feststellbar.


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