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4.
März
2010

Carl Zimmer - Parasite Rex

Geschrieben von Michael Hohner am 4. März 2010, 19:55:39 Uhr:

Parasiten sind ekelhaft, nieder entwickelt, und nur Tiere oder Menschen mit mangelhafter Hygiene haben Parasiten. So denkt vermutlich der Durchschnittsbürger.

So beginnt man also mit diesem Buch, in Erwartung von schaurig-schönen Geschichten, wie bei einem Verkehrsunfall, der so schlimm ist, dass man einfach nicht wegschauen kann.

Bald merkt man aber, wie faszinierend komplex die Welt der Parasiten sein kann. Dabei stehen die scheinbar höherentwickelten Parasiten aus der blutsaugenden Fraktion (Läuse, Flöhe, Zecken, usw.) eher in einem simplen Verhältnis mit ihren Wirten. Eine viel ausgefuchstere Lebensweise zeigen einzellige Parasiten, allen voran die Plasmodien, Erreger der Malaria. In einem ewigen Rüstungswettlauf finden sie immer neue Methoden, um unter dem Radar des Immunsystems ihrer Wirte zu bleiben, während die Wirte immer neue Wege finden, die Parasiten doch aufzuspüren. So wird bald deutlich, warum es immer noch keine hocheffizienten Mittel der Heilung oder Vorbeugung gegen Malaria gibt. Parasiten sind ebenso hoch entwickelt wie ihre Wirte.

Andererseits zeigen die Methoden, wie Parasiten die Immunsysteme ihrer Wirte manipulieren können, neue Wege zur Therapie von Menschen mit Autoimmunerkrankungen. Diese Methoden genauer zu erforschen kann also nicht nur zu Mitteln zur Bekämpfung von krankmachenden Schmarotzern führen, sondern auch zur Behandlung von immer häufigeren Zivilisationskrankheiten.

Plasmodien sind aber erst ein Einstieg in die komplexe Welt der Parasiten. Andere haben einen noch verschlungeneren Lebenszyklus mit mehreren Wechseln von Zwischenwirten. Die Erreger der Toxoplasmose manipulieren das Verhalten von Nagetieren, einem Zwischenwirt, derart, dass sie ihre Angst vor Katzen, ihrem Hauptwirt, verlieren und so leichter von diesen gefressen werden. Parasitische Rankenfußkrebse befallen Krabben und übernehmen deren Körper vollständing für ihre eigenen Zwecke. Die Krabben sind dann nur noch Roboter der Parasiten. „Der Schwarm” lässt schön grüßen!

Aber auch in größerem Maßstab eröffnen sich bei der Beschäftigung mit Parasiten neue Einsichten. Es gibt vermutlich mehr parasitisch lebende Arten auf der Erde als nicht-parasitische Arten. Das Wettrüsten der Parasiten und Wirte ist eine wesentliche treibende Kraft in der Evolution. Möglicherweise sind Parasiten auch dafür verantwortlich, dass viele Wirte zur geschlechtlichen Vermehrung übergegangen sind, um den Parasiten besser zu entgehen, als es nur mit reiner ungeschlechtlichen Vermehrung möglich gewesen wäre.

Hat man das Buch nach zwei Tagen verschlungen, dann hat sich die Meinung des Lesers über Parasiten vielleicht geändert. Parasiten sind mitunter faszinierend, hoch entwickelt, und jeder Mensch und jedes Tier lebt mit Parasiten in der einen oder anderen Form. Und vielleicht sind Parasiten auch dafür mitverantwortlich, dass wir so sind wie wir sind.

Die deutschsprachige Ausgabe dieses schon 2000 erschienen Buches ist leider inzwischen vergriffen. Die Originalausgabe ist aber nicht allzu schwierig zu lesen.

Wertung:

Englischsprachige Ausgabe:

Carl Zimmer Parasite Rex: Inside the Bizarre World of Nature's Most Dangerous Creatures Free Press Taschenbuch ISBN 978-0743200110 Amazon.de

Deutschsprachige Ausgabe:

Carl Zimmer Parasitus Rex: Die bizarre Welt der gefährlichsten Kreaturen der Natur Droemer Knaur ISBN 978-3426776148 (nicht mehr im Handel)

Kategorien: Biologie, Bücher, Evolution

Parasiten sind ekelhaft, nieder entwickelt, und nur Tiere oder Menschen mit mangelhafter Hygiene haben Parasiten. So denkt vermutlich der Durchschnittsbürger. So beginnt man also mit diesem Buch, in Erwartung von schaurig-schönen Geschichten, wie bei einem Verkehrsunfall, der so schlimm ist, dass man einfach nicht wegschauen kann.
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