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11.
April
2010

Wasser für die Seele

Geschrieben von Michael Hohner am 11. April 2010, 20:32:46 Uhr:

Die Homöopathen feiern derzeit die „Internationale Woche der Homöopathie” zur Feier des 255-ten (ja, wirklich!) Geburtstags von Samuel Hahnemann. Thema in diesem Jahr: „Homöopathie für die Seele”.

In diversen Veranstaltungen werden u.a. die folgenden Themen diskutiert:

  • Homöopathie bei Depression
  • Homöopathie bei Schlaftstörungen
  • Homöopathie bei ADHS
  • Homöopathie bei Angstzuständen

Wie sehen die Nachweise aus klinischen Studien für diese Indikationen aus?

Depression

Selbst die Spezialpublikationen zur Homöopathie zeigen die Schwierigkeiten auf. In einem Review wurden nur zwei randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudien zum Thema gefunden. Nur die unkontrollierten Studien zeigten einen Effekt. Die Schlussfolgerung:

A comprehensive search for published and unpublished studies has demonstrated that the evidence for the effectiveness of homeopathy in depression is limited due to lack of clinical trials of high quality. Further research is required, and should include well-designed controlled studies with sufficient numbers of participants. Qualitative studies aimed at overcoming recruitment and other problems should precede further RCTs.

Hochqualitative Studien sind Mangelware. Was tun?

Methodological options include the incorporation of preference arms or uncontrolled observational studies. The highly individualised nature of much homeopathic treatment and the specificity of response may require innovative methods of analysis of individual treatment response.

Mit anderen Worten, wenn die hochqualitativen Studien kein positives Ergebnis zeigen, dann senken wir einfach die Qualität, oder man wird „innovativ”.

Schlafstörungen

Das neueste Review zu diesem Thema fand nur 4 randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudien. Alle waren klein und methodologisch fragwürdig. Das Ergebnis:

The limited evidence available does not demonstrate a statistically significant effect of homeopathic medicines for insomnia treatment. Existing RCTs were of poor quality and were likely to have been underpowered. Well-conducted studies of homeopathic medicines and treatment by a homeopath are required to examine the clinical and cost effectiveness of homeopathy for insomnia.

ADHS

Eine typische Studie zu diesem Thema kommt zu folgendem Schluss:

This pilot study provides no evidence to support a therapeutic effect of individually selected homeopathic remedies in children with ADHD.

Pilotstudien sind aber nur von geringerer Aussagekraft. Doch auch der Cochrane-Review zeigt kein besseres Ergebnis:

The forms of homeopathy evaluated to date do not suggest significant treatment effects for the global symptoms, core symptoms of inattention, hyperactivity or impulsivity, or related outcomes such as anxiety in Attention Deficit/Hyperactivity Disorder.

Angstzustände

Typische Studien für diese Indikation sehen so aus:
The effect of homeopathic treatment on mental symptoms of patients with generalized anxiety disorder did not differ from that of placebo. The improvement in both conditions was substantial. Improvement of such magnitude may account for the current belief in the efficacy of homeopathy and the current increase in the use of this practice.

Wieder kommt selbst das im Magazin „Homeopathy” veröffentlichte Review zu keinem besseren Ergebnis:

A comprehensive search demonstrates that the evidence on the benefit of homeopathy in anxiety and anxiety disorders is limited. A number of studies of homeopathy in such conditions were located but the randomised controlled trials report contradictory results, are underpowered or provide insufficient details of methodology.

Zusammenfassung

Man kann fast sicher sein, was in all den Vorträgen kaum zur Sprache kommen wird: Die nachgewiesene Wirksamkeit der Homöopathie für diese Indikationen.

Homöopathie ist unplausibel, es gibt keinen potentiellen Wirkmechanismus, die Grundprinzipen sind aus der Luft gegriffen, und in 200 Jahren haben es selbst die Verfechter der Homöopathie nicht geschafft, eine Wirkung besser als die eines Placebos schlüssig nachzuweisen. Homöopathie bleibt Wasser oder mit Wasser beträufelte Zuckerkügelchen.

Aber wenn man unbedingt unplausible, vorwissenschaftliche, unbelegte und explizit widerlegte Theorien am Leben halten will, dann hätte ich einen Vorschlag für 2011: Eine „Internationale Woche der Alchemie”.

Kategorien: Alternativmedizin, Homöopathie

4
Kommentar #1 von Kranker Pfleger am 11. April 2010, 22:12:42 Uhr:
Das klappt mir mal wieder die Zehnägel hoch...
Kommentar #2 von Graumagier am 12. April 2010, 12:15:17 Uhr:
Nicht vergessen werden darf natürlich der erst kürzlich vom The House of Commons Science and Technology Committee veröffentlichte "Evidence Check 2: Homeopathy" (http://www.publications.parliament.uk/pa/cm200910/cmselect/cmsctech/45/45.pdf), in dem all das (und noch viel mehr) zusammengefasst wird und man zu dem Schluss kommt, dass es für Homöopathie keinen plausiblen Wirkungsmechanismus und keine ordentlichen Studien gibt, die eine Wirkung demonstrieren – und dass die britische Regierung keine Gelder mehr für Homöopathie verschwenden sollte.
Kommentar #3 von Lilly am 7. Mai 2010, 16:05:55 Uhr:
Ich habe vor Kurzem ein ziemlich gutes Buch zum Thema Alternativmedizin gelesen, in welchem die wichtigsten Ergebnisse aus diversen Recherchen und Studien zusammengefasst werden: Gesund ohne Pillen - Was kann die Alternativmedizin? von Simon Singh und Edzard Ernst. Ein sachlicher, endlich mal nicht polemischer Beitrag zur Alternativmedizin, der nichts beschönigt - die Fakten sprechen einfach für sich.
Eine Empfehlung für alle, die sich ständig in Diskussionen mit Alternativmedizinern und deren Fans wiederfinden.
Kommentar #4 von Karl R. am 21. Juni 2010, 09:46:19 Uhr:
Immerhin wird die Alternativmedizin nicht vom Staat subventioniert. Zu dem bewegen die sich doch in guter Gesellschaft. Schließlich ist in der so fundierten Schulmedizin die Wirksamkeit "einiger" Präparate doch von eben dieser Qualität die hier bemängelt wird.

Natürlich "wirken" Antibiotika harte Nervengifte a la Haldol, Tranquillizer etc. auf die Psyche/Körper und was wären wir ohne die Schmerzmittel, schließlich ist hier bei uns oberste Priorität negatives/Schmerzen zu verdrängen und schön weiter im Rädchen zu laufen, um weiterhin dieses marode System aufrecht zu erhalten.
Aber wieder einmal hat der Blogger nur die Alternativmedizin in Blick, so langsam vermiße ich die kritische Untersuchen der Naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die uns täglich um die Ohren geschmissen werden heißt es nicht oben..
"Kritische Betrachtungen über Naturwissenschaften, Alternativmedizin, Alltagsmythen, Parawissenschaften und Wissenschaft in den Medien" zeigt mir der Blogger langsam ein zu einseitiges Bild auf.

Das die Alternativmedizin/ Verschwörungstheorien so ziemlich alle mit ihren Studien/Beweisen auf sich warten lassen ist ja nun bekanntlich nichts neues!


Gruß
Karl

Kommentar #4-1 von Michael Hohner am 21. Juni 2010, 10:22:28 Uhr:
Speziell welche naturwissenschaftlichen Erkenntnisse haben Sie denn im Sinn?
Kommentar #4-1-1 von Karl R. am 21. Juni 2010, 23:10:18 Uhr:
ein kritischen Bericht über die Klimamodelle, oder haben wir eigentlich schon H1N1 isolieren können, bzw. wie aussagekräftig sind solche Tests.
Wie sieht es aus mit der Vielfalt der Pillen und ihrer Nützlichkeit aus. Selbiges (auf die Nützlichkeit bezogen) für die Gentechnologie in der Agraindustrie...
Naja ominöse Begriffe wie Imunsystem analytisch zu zerlegen wäre doch auch mal Interessant.
Oder die lustige Debatte über den Freien Willen, haben wir einen oder sind wir nicht doch nur determinierte Maschinen unserer Neuronen.
Wissenschaft ist toll aber auch ein verdammt hart umkäpfter Platz, in der es eine freie unabhängige Forschung a la Humboldt nicht gibt. Zudem gucken wir halt alle durch unsere einengende Brillen und dies gilt für die eine Partei genauso wie andere.
Alles wird gut.
Kommentar #4-1-1-1 von martin am 4. Juli 2010, 14:26:24 Uhr:
Karl, ich empfehle in diesem Fall ein erfrischendes Sprudelbad in Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie. Das Sie ja selbst ganz ähnlich heißen, fällt mir ein, dass Karl R. Popper ein guter Einstiegspunkt ist, sich mit der Materie zu befassen. Forschung und der Prozess der Theoriebildung (Poppers „zweite Welt“) mag nie wertefrei und immer subjektiv sein, die Theorien, Probleme und Argumente an sich sind es aber, sie sind objektiv (Poppers „dritte Welt“). Der Gravitation etwa ist es egal, ob Newton an Gott geglaubt hat, oder aus welcher Motivation er seine Thesen aufgestellt hat. Wertefreie und objektive Forschung scheint sowieso gänzlich unmöglich zu sein: Ein Blick außerhalb der „einengenden Brillen“ ist unerlässlich, um kreativ zu werden und neue Hypothesen aufzustellen. Man sollte sich aber nicht dazu verleiten lassen, an den neuen Hypothesen festzuhalten, wenn sie durch sichhaltige Kritik widerlegt wurden. Widerlegte Theorien werden verworfen und das ist auch gut so. Alles andere wäre Dogma.

Wo war ich?

Ich finde schön, dass die hier erscheinenden Artikel nicht orakelnd und metaphysisch sind, sondern sich mit Problemen der realen Welt auseinandersetzen.


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