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3.
Juni
2010

Mechanismus für Akupunktur gefunden. Oder?

Geschrieben von Michael Hohner am 3. Juni 2010, 11:45:49 Uhr:

Diese Woche wurde ein Artikel im Magazin „Nature” veröffentlicht, mit dem Nachweise für einen Wirkmechanismus für die Schmerzlinderung durch Akupunktur erbracht werden sollen. Dieser Artikel wurde auch in der Tagespresse diskutiert, z. B. bei Spiegel Online oder n-tv.

Der Inhalt kurz zusammengefasst:[1]

Bei Mäusen wurde durch Nadelstiche eine Freisetzung des Moleküls Adenosin erreicht. Dieses dockt an speziellen Gegenstücken, den Adenosin-A1-Rezeptoren, an, was eine Schmerzlinderung bewirkt. Das direkte Injizieren eines anderen Gegenstücks für den Rezeptor bewirkte ebenso eine Schmerzlinderung. Auch das Verzögern des Abbaus von Adenosin verlängerte die schmerzlindernde Wirkung. Und schließlich wurde bei genmanipulierten Mäusen, die den Rezeptor nicht ausbilden, die schmerzlindernde Wirkung nicht nachgewiesen.

Dieser Teil des Artikels ist interessant genug. Ein Mechanismus zur lokalen Schmerzlinderung wurde gefunden und verifiziert. Das könnte neue Perspektiven für die Lokalanästhesie eröffnen, falls sich die Ergebnisse reproduzieren lassen.

Die andere Teil gleitet leider in die Abteilung Junk Science ab. Denn ist diese Untersuchung wirklich ein Nachweis für die Wirksamkeit von Akupunktur?

Zur Erinnerung: Die Grundprinzipien der Akupunktur besagen, dass die Lebensenergie „Qi” in bestimmten Bahnen im Körper fließt, den Meridianen. Ein Nadeln dieser Bahnen an bestimmten Stellen soll eine Blockade des Flusses lösen und so Beschwerden lindern und Krankheiten heilen. Für bestimmte Organe müssen dabei immer bestimmte Akupunkturpunkte genadelt werden.

Selbstredend gibt es keinerlei Nachweise für die schiere Existenz des „Qi” und der Meridiane, und selbst die Akupunkturwelt ist sich uneins über die korrekten Akupunkturpunkte. Bisher ist kein guter Nachweis für eine Wirksamkeit von Akupunktur erbracht worden, die über die eines Placebos hinausgeht. Der fehlende Wirkmechanismus kommt da lediglich noch dazu. Der Effekt von Akupunktur fällt umso geringer aus, je größer die Studie angelegt wird, je besser die Randomisierung und die Placebokontrolle ist. Am Ende ist es egal, ob die korrekten Körperstellen genadelt werden oder absichtlich die falschen, oder ob überhaupt ein Einstich erfolgt oder nur die Haut mit einem Zahnstocher gedrückt wird. Diese geringen, unspezifischen und subjektiven Effekte sind bereits mit dem Placeboeffekt zufriedenstellend erklärt, und größere Effekte sind nicht festgestellt worden.

Ändert nun diese Studie die bisherigen Erkenntnisse? Nein, denn:

  • Es gab wieder keinerlei Kontrollgruppe. Es wurde nicht geprüft, ob das Nadeln der „falschen” Stellen nicht den gleichen Effekt hervorruft, oder auch das bloße Drücken der Haut mit spitzen Gegenständen.
  • Die Freisetzung des Adenosin erfolgte lokal, im Millimeterbereich um dem Einstich. Akupunktur postuliert aber, dass das Nadeln von weit entfernten Punkten die zugeordneten Organe beeinflusst.
  • Dass es einen messbaren, lokalen, physiologischen Effekt gibt, wenn man die Haut mit einer Nadel verletzt und manipuliert, ist für sich gesehen eine unspektakuläre Erkenntnis. Das alleine kann kein Beleg für die spektakulären Behauptungen der Akupunktur sein.
  • Es ist im ganzen Artikel keine Rede von irgend einer Art von Verblindung. Diese ist besonders wichtig, wenn diffuse, kontinuierliche Parameter (z. B. „Berührungsempfindlichkeit”) von den Durchführenden gemessen und bewertet werden. Die Angelegenheit erinnert eher an die Veröffentlichung von Benveniste[2] im gleichen Magazin, in der physiologische Reaktionen auf hochverdünnte homöopathische Lösungen objektiv im Laborversuch nachgewiesen werden sollten. Auch diese Ergebnisse wurden letztlich auf ungenügende Verblindung zurückgeführt.

Genaugenommen hat man in der Studie das, was sich selbst als „Akupunktur” bezeichnet, überhaupt nicht getestet. Der Titel ist eine reine Mogelpackung.

Ebenso ist Einleitung und Diskussion voll mit den üblichen Fehlschlüssen, die von Alternativmedizinern immer wieder vorgebracht werden:

  • „Akupunktur wird seit 4000 Jahren praktiziert”. Das sagt nur rein gar nichts über die Wirksamkeit aus. Ich warte darauf, dass sich jemand mal auf die jahrtausendealte Tradition von Regentänzen zur Wetterbeeinflussung beruft…
  • „Akupunktur ist weit verbreitet”. Das sagt nur rein gar nichts über die Wirksamkeit aus. Furcht vor dem „bösen Blick” ist auch weit verbreitet.
  • „Akupunktur wird von der US-Steuerbehörde als absetzbare Maßnahme angesehen”. Das sagt nur rein gar nichts über die Wirksamkeit aus. Auch hierzulande werden manche alternativmedizinische Maßnahmen von einigen Krankenkassen bezahlt. Was in der Gesundheitspolitik finanziell unterstützt wird, das hat mehr mit der Nachfrage der Patienten, der Lobby der Anbieter, und der finanziellen Machbarkeit zu tun als mit der nachgewiesenen Wirksamkeit.

Es ist amüsant und traurig zugleich, wie versucht wird, die Ergebnisse in einen Wirkmechanismus der Akupunktur umzudichten, aber gleichzeitig die Grundbehauptungen der Akupunktur und der Kontext der bisherigen Studien weitgehend ignoriert werden. Traurig auch, dass sich ein so renommiertes Magazin wie „Nature” dazu herablässt, einen Artikel zu veröffentlichen, bei dem die Diskussion und Schlussfolgerung kaum von den dargelegten Ergebnissen gestützt werden. Das Debakel mit Benveniste hätte die Redaktion von Nature eigentlich in dieser Beziehung sensibilisieren müssen.


  1. Goldman et. al. (2010): Adenosine A1 receptors mediate local anti-nociceptive effects of acupuncture. Nature Neuroscience
  2. Benveniste et. al. (1988): Human basophil degranulation triggered by very dilute antiserum against IgE. Nature

Kategorien: Akupunktur, Junk Science

Diese Woche wurde ein Artikel im Magazin „Nature” veröffentlicht, mit dem Nachweise für einen Wirkmechanismus für die Schmerzlinderung durch Akupunktur erbracht werden sollen. Dieser Artikel wurde auch in der Tagespresse diskutiert, z. B. bei Spiegel Online oder n-tv.
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