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19.
Oktober
2009

Trittin redet wie ein Impfgegner

Geschrieben von Michael Hohner am 19. Oktober 2009, 16:11:36 Uhr:

Beim aktuellen Streit um die bestellten H1N1-Impfungen hat sich Jürgen Trittin (B90/Grüne) in ein ganz wackeliges Boot gesetzt:

Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin warf der Bundesregierung vor, sie setze "die Bevölkerung einem Großversuch mit einem nicht getesteten Impfstoff aus und lässt sich selbst ohne Nebenwirkungen schützen". Das dürfte die Bereitschaft der Bevölkerung, sich impfen zu lassen, weiter vermindern, befürchtete er laut einer Mitteilung.

Was die Impfbereitschaft vor allem vermindert, ist das Verbreiten von Unwahrheiten über H1N1 und die entsprechenden Impfungen. Trittin stellt sich hier in eine Reihe mit den hysterischen Impfgegnern, die mit zusammengeschusterten Argumenten die H1N1-Impfung und jede andere Impfung ablehnen. Trittin sollte sich einmal überlegen, was man mit dem Schüren von unbegründeter Angst in der Bevölkerung anrichten kann. Stattdessen hätte er sich vorher mal informieren können, z. B. beim Robert-Koch-Institut. Das Thema ist zu sensibel und taugt nicht dazu, der Regierung billig an die Karre zu fahren.

Deshalb nochmal die Fakten:

Der H1N1-Impfstoff wird wie die anderen Grippeimpfstoffe hergestellt, mit einem Verfahren das so schon seit Jahren verwendet wird. Jedes Jahr werden eine handvoll Influenzastämme ausgewählt, die in der nächsten Saison wahrscheinlich relevant sein werden. Diese Viren werden in Hühnereiern vermehrt, dann isoliert, abgetötet, die Allergene von den Virushüllen abgetrennt (der Impfstoff enthält keine ganzen toten Viren und schon gar keine lebendigen), portioniert und ggf. mit Zusatzstoffen wie Konservierungsmitteln und Wirkverstärkern versehen. Letztere verstärken die Wirkung des Impfstoffs und sorgen dafür, dass mit einer kleineren Menge von Allergenen die gleiche Immunreaktion erreicht wird. Impfungen ohne diese Verstärker sind bei manchen Personen besser verträglich, eventuell sind jedoch mehrere Impfungen nötig, um den gleichen Immunschutz aufzubauen.

Danach folgt der Test. Ja, der Test, der laut Trittin angeblich nicht stattfindet. Hier wird vor allem getestet, ob Menschen mit diesem Impfstoff die gewünschten Antikörper aufbauen, ob er also ausreichend wirksam ist. Dabei werden auch Nebenwirkungen beobachtet. In dieser Beziehung sind beim neuem Impfstoff keine besonderen Auffälligkeiten bekannt geworden.

Was ist nun beim H1N1-Impfstoff anders? Im Grunde nichts. So wie bei der saisonalen Grippeimpfung auch kommt lediglich ein anderer Influenzastamm zum Einsatz. Der Impfstoff enthält also, abgesehen von den stammspezifischen Antigenen, genau die gleichen Bestandteile. Tatsächlich wäre der aktuelle H1N1-Stamm in den regulären Impfstoff der saisonalen Grippe aufgenommen worden, wenn er nur ein paar Monate früher identifiziert und isoliert worden wäre. So muss er separat produziert werden, um in der kommenden Saison überhaupt einen Impfstoff zu haben. Der aktuelle Sturm im Wasserglas würde nicht existieren, wenn der neue H1N1-Stamm in der normalen saisonalen Impfung enthalten wäre.

Warum werden keine ausführlicheren Tests zu den Nebenwirkungen gemacht? Weil das schon Jahre vorher passiert ist. Wie gesagt, das Verfahren ist seit Jahren und Jahrzehnten üblich, und die Nebenwirkungen und Risiken der Zusatzstoffe sind bekannt. Wenn ein Autohersteller eine neue Anhängerkupplung und eine neue Lackierung anbietet, dann werden auch nicht nochmal alle Crashtests wiederholt.

Ist der Impfstoff mit Schwangeren und Kleinkindern getestet worden? Nein, aber es wird kein einziges Medikament mit Schwangeren und Kleinkindern getestet, wenn es nicht spezifisch für Krankheiten dieser Gruppen entwickelt wurde. Die bisherigen Erfahrungen mit Grippeimpfstoffen lassen auch nicht die Vermutung zu, dass dieser neue Impfstoff bei diesen Gruppen irgendwie anders wirkt. Im Gegenteil: Die Influenzaverläufe sind bei Schwangeren im Durchschnitt schwerer. Diese profitieren also besonders stark von einer Impfung.

Trittin irrt auch in der Vorstellung, die Impfung ohne Wirkverstärker wäre ohne Nebenwirkungen. Kein Medikament ist ohne Nebenwirkungen. Wie überall gilt es, Risiko und Nutzen abzuwägen. Das ist bei Influenzaimpfungen recht deutlich: Bei der neuen H1N1-Grippe gibt es derzeit eine Sterberate von etwas über 1% der Erkrankten. In der Gesamtbevölkerung ergibt das etwa 1 bis 5 Tote pro 1 Million Einwohner. Dem gegenüber ist bei den klinischen Tests der Impfstoffe kein einziger Proband gestorben, bei ca. 5000 Probanden ist die Todesrate also kleiner als 0,02% (vermutlich um mehrere Größenordnung kleiner; um die Todesrate exakt zu ermitteln, müsste man mit mehreren Millionen Probanden testen, was aus naheliegenden Gründen nicht möglich ist). Die häufigen „schweren” Impfkomplikationen waren Schmerzen, Rötungen und Schwellungen an der Einstichstelle, also kein Vergleich zu einer tatsächlichen Influenzaerkrankung.

Zusammengefasst: Hören Sie nicht auf Politiker, wenn es um individuelle Gesundheitsentscheidungen geht. Hören Sie auch nicht auf mich! Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt. Der hilft, die persönlichen Risiken einzuschätzen und den richtigen Impfstoff auszuwählen.

Kategorien: H1N1, Politik

Kommentar #1 von Gaho am 10. November 2009, 23:07:09 Uhr:
"Nein, aber es wird kein einziges Medikament mit Schwangeren und Kleinkindern getestet, wenn es nicht spezifisch für Krankheiten dieser Gruppen entwickelt wurde."

Sind sie sich da sicher? Ich dachte, vor allem seit dem Conterganskandal wird da besonders streng drauf geachtet.

Die Rechnung mit der Sterberate verstehe ich nicht genau. Bei einer Todesrate von angenommenen 0,02% kommt man pro eine Million Einwohner ja auf 200 Tote, was ja doch wesentlich mehr ist als die 1-5 Toten, die es sonst geben soll (wie kommen sie da eigentlich drauf, 1% Sterberate und 0,1% Infektionsrate?).

Kommentar #1-1 von Michael Hohner am 11. November 2009, 07:51:43 Uhr:
Bitte das verlinkte Dokument des RKI lesen, dort wurden die Zahlen entnommen.

Wie oben schon angedeutet, ist die Todesrate der Impfung maximal 0,02% und wahrscheinlich deutlich niedriger. Aus der Studie mit Pandemrix mit ca. 5000 Personen kann man einfach keine genaueren Zahlen ermitteln. Inzwischen ist die Impfung ja angelaufen, und es sind es ist immer noch kein Todesfall aufgetreten, der auf die Impfung zurückzuführen ist. Die Todesrate ist also, wie erwartet, um mehrere Größenordnungen niedriger und fällt weiter.

Eine Konsequenz von Contergan war, dass Medikamente auch nach der Zulassung genau und systematisch beobachtet werden, um auch seltene Nebenwirkungen zu erfassen, die in klinischen Studien wegen der zu geringen Teilnehmerzahl nicht auftreten. Eine Ursache des Conterganskandals war, dass nach der Zulassung keine weiteren Daten erfasst wurden und die seltenen Nebenwirkungen lange im Dunkel blieben.

Dennoch sind Schwangere und Kleinkinder typischerweise keine Teilnehmer in klinischen Studien, weil gerade dort das Risiko von unerwünschten Nebenwirkungen deutlich höher ist als bei einem bereits zugelassenen Medikament. Es ist ethisch nicht vertretbar, Schwangere und Kleinkinder diesem Risiko auszusetzen.


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