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4.
Januar
2010

Wir basteln uns eine Verschwörungstheorie

Geschrieben von Michael Hohner am 4. Januar 2010, 22:34:58 Uhr:

Langeweile in den großen Ferien? Anhänger einer politischen Randgruppe ohne Chance auf Regierungsbeteiligung und sauer auf die Welt? Nix gelernt und kein Geld? Leicht mit dem Klammerbeutel gepudert, aber nicht so schlimm, um im gepolsterten Zimmer sitzen zu müssen? Überfordert von der realen Welt?

Was auch immer es ist, hier kommt ein Rezept für möglicherweise jahrelange Beschäftigung: Wir basteln uns eine Verschwörungstheorie, in 6 einfachen Schritten.

Schritt 1: Das Thema

Zuerst müssen wir ein Thema finden.

Am wirkungsvollsten sind emotional vorbesetzte Themen aus den Bereichen Freiheit des Einzelnen, Gesundheit, soziale Gerechtigkeit, Kinder, Terrorismus sowie Naturwissenschaft/Technik und Gesellschaft. Durch die Emotionalisierung lässt sich das Denkzentrum des Publikums leichter ausschalten, genau was wir brauchen.

Gleichzeitig sollte das Thema auch komplex genug sein. Nichts ist schlimmer als ein Publikum, das das Thema innerhalb von Minuten im gesamten Umfang und Tiefe durchschauen kann. Je undurchsichtiger, desto schneller ist das Publikum von unserer einfachen Wahrheit überzeugt, die wir präsentieren werden. Glücklicherweise stecken die oben genannten Themenbereiche voller Komplexität. Es ist ein gutes Zeichen, wenn wir das Thema selbst nicht vollständig durchschauen, denn dann tun es alle anderen wahrscheinlich auch nicht.

Vorsicht! Jetzt nicht den Fehler begehen, sich hier entsprechendes Fachwissen anzueignen. Das wäre völlige Zeitverschwendung. Fachliteratur, offizielle Information, usw. wird vom Establishment gefälscht, da bekommt man keine unabhängigen Informationen. Der unfehlbare gesunde Menschenverstand und unsere eigene Intuition soll unsere Leitschnur sein.

Das Thema sollte bereits grundlegend und ausführlich geklärt sein, aber noch kleine Wissenslücken aufweisen. Nur so erreichen wir einen möglichst großen Überraschungseffekt.

Auch hier gilt das gleiche wie bei Domänennamen, öffentlichen Toiletten, Sitzplätzen im Sportstadion usw.: Die besten sind schon besetzt. Also müssen wir etwas länger suchen, und dieser erste Schritt ist zugleich auch der schwerste. Aber nicht aufgeben, andere haben das auch schon geschafft!

Schritt 2: Die Verschwörungstheorie

Nachdem Schritt 1 erstmal überwunden ist, folgt sofort der einfachste Schritt, das Formulieren der Verschwörungstheorie. Wir behaupten einfach das Gegenteil, oder wir unterstellen ganz andere, vorzugsweise düstere Motive der Akteure. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Nur keine Zurückhaltung bei diesem Punkt, je extremer, desto erfolgreicher!

Schritt 3: Die Untermauerung

Die Verschwörungstheorie kann man leicht mit bewährten Techniken untermauern. Eine äußerst beliebte Methode ist das Aufspüren von Anomalien. Man sucht einfach das Umfeld des Themas nach Dingen ab, die aus dem Rahmen fallen. Schnell findet man Dutzende andere, gleichzeitig stattfindende Ereignisse, Verbindungen zwischen den Personen, Abweichungen vom Durchschnitt usw. Keine Sorge, wenn jede gefundene Anomalie keinerlei Beweiskraft hat oder bereits erklärt wurde, das ist völlig unerheblich. Die Masse machts!

Dank nicht vorhandenem Fachwissen wird diese Suche besonders ergiebig sein, denn wir werden auch nur scheinbare Anomalien finden.

Eine weitere beliebte Methode ist Quote-Mining. Wir zitieren Aussagen der handelnden Personen so, dass sie, aus dem Zusammenhang gerissen, in einem völlig anderem Licht erscheinen. Leicht lassen sich Aussagen ins Gegenteil verkehren. So sind bekannte Personen schneller Bestandteil oder Kronzeugen der Verschwörung als sie „intellektuelle Integrität” sagen können.

Die kleinen Wissenslücken unseres Themas werden unser Ansatzpunkt. Wir werden sie mit unserer Verschwörungstheorie wie mit einer Brechstange weit aufreißen. Schließlich ist „wir wissen nicht alles” genau das gleiche wie „wir wissen nichts, und alles ist möglich”.

Weitere Techniken wie Zahlenmystik, Popularitätsargumente und sorgfältiges Rosinenpicken vervollständigen unsere Beweisführung. (Mmmmhhhhh, Rosinen!)

Praktisch sind auch Gleichgesinnte, mit denen wir uns gegenseitig als Quelle und Bestätigung angeben können.

Schritt 4: Die Veröffentlichung

Die Welt muss natürlich von der Verschwörung erfahren, obwohl diese ja geheim ist und die Verschwörer jeden Verräter mundtot machen oder gleich ganz verschwinden lassen. Wir werden Helden sein!

Das Mittel der Wahl ist zunächst das Web. Eine Webseite ist schnell geschrieben, z. B. mit Word. Damit die Theorie auch gut ankommt, müssen wir natürlich für genügend Aufmerksamkeit sorgen. Das erfolgt mit Hilfe von genügend großen und farbig ansprechenden Fonts, z. B.

Die Wahrheit über FLEISCHBESCHAU, und warum uns die Regierungen mit Schweinebraten UNTERJOCHEN will. Skandal!!!1!

Eine eigene Domäne brauchen wir dazu vorerst nicht. Es genügt ein User-Account bei einem Massenhoster, oder auch eine Seite auf whale.to oder wakenews.net. Auch Rechtschreibung, Interpunktion und Strukturierung ist nicht von entscheidender Bedeutung, wir investieren unsere Zeit in den Inhalt. Verlinkung ist zu kompliziert, eine einzelne lange Seite reicht.

Beim Verfassen des Textes kann es vorkommen, dass die Tasten mit dem Ausrufungszeichen und Fragezeichen ausleiern. Das ist ein Risiko, das wir eingehen müssen. Eine neue Tastatur ist zum Glück nicht mehr teuer.

Wenn wir eine Videokamera bedienen können und ein Zimmer haben, oder wenn wir jemanden kennen, der eine Videokamera und ein Zimmer hat, dann erstellen wird gleich noch ein Video und stellen es auf YouTube. Da bekommen wir gleich noch ein kostenloses, hochklassiges Diskussionsforum.

Schritt 5: Die Verteidigung

Es ist natürlich unvermeidlich, dass die Theorie Löcher groß wie Scheunentore hat. Demzufolge ist es auch unvermeidbar, dass wir bald auf diese Löcher und andere Ungereimtheiten hingewiesen werden. Jetzt ist also Zeit, die Theorie zu verteidigen.

Wir sollten keine große Arbeit darauf verschwenden, konkret auf die Argumente einzugehen oder die Ungereimtheiten aufzuklären. Viel arbeitssparender ist die Umkehrung der Beweislast. Statt unsere Theorie als korrekt zu beweisen, fordern wir die Gegner auf, die Theorie als falsch zu beweisen. Immer gerne genommen wird auch der Satz „such doch selbst mal auf Google”.

Weitere beliebte Textbausteine: „du bist aber naiv”, „das kann man nicht beweisen, die Verschwörer verhindern das”, „ich behaupte gar nichts, ich stelle nur berechtigte Fragen”, „glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast”, „wenn du nicht für uns bist, dann bist du gegen uns”, „bist du etwa gegen Freiheit/Gesundheit/Gerechtigkeit?”, „Hitler hat das auch geglaubt/gemacht”, „ich traue der Regierung/der Industrie/… alles zu”.

Besonders hartnäckige Kritiker werden wir leicht los, indem wir sie als „gekauft” bezeichnen. Kritiker mit Fachwissen sind ohnehin grundsätzlich Mitverschwörer.

Sollten wir dennoch in eine Sackgasse getrieben werden, dann verstehen wir das als Chance statt als Problem. Wir verschieben den Torpfosten und erweitern einfach unsere Verschwörungstheorie. Sollten unter den neuen Mitverschwörern auch Gegenspieler der ursprünglichen Verschwörer sein, dann ist diese Taktik besonders effektiv. Gegner insgeheim zu Verbündeten werden zu lassen macht unsere Verschwörung noch viel unheimlicher.

Schritt 6: Die Versilberung

Mit Webseiten und YouTube kann man natürlich kein Geld machen. Unsere riesigen Recherchekosten müssen aber wieder reinkommen. Glücklicherweise gibt es hochklassige Organisationen, die uns gerne als Sprecher auf ihren Konferenzen buchen. Dort können wir gleich noch unsere Bücher (Selbstverlag, oder verlegt durch den Veranstalter) und DVDs des YouTube-Videos losschlagen.

In die Königsklasse werden wir aufsteigen, wenn Magazinsendungen des investigativen TV-Journalismus (z. B. „Galileo Mystery”) Wind von unseren Erkenntnissen bekommen. Experten und Interviewpartner werden gut bezahlt.

Spätestes wenn Roland Emmerich einen Kinofilm zum Thema dreht, haben wir es endgültig geschafft.

Kategorien: Nur zum Spaß, Verschwörungstheorien

Langeweile in den großen Ferien? Anhänger einer politischen Randgruppe ohne Chance auf Regierungsbeteiligung und sauer auf die Welt? Nix gelernt und kein Geld? Leicht mit dem Klammerbeutel gepudert, aber nicht so schlimm, um im gepolsterten Zimmer sitzen zu müssen? Überfordert von der realen Welt? Was auch immer es ist, hier kommt ein Rezept für möglicherweise jahrelange Beschäftigung: Wir basteln uns eine Verschwörungstheorie, in 6 einfachen Schritten.

1 Trackback:

Kommentar #1 von Elias Schwerdtfeger am 5. Januar 2010, 01:42:08 Uhr:
Als echter Insider der kultivierten und mit Genuss betriebenen Verschwörungstheoriefindung muss ich noch einen weiteren Tipp für die wirklich gelungene Theorie geben. Und der lautet BEWEISE, BEWEISE, BEWEISE!!!!1!!

Im Rahmen einer Verschwörungstheoriefindung hat das Wort BEWEISE eine etwas andere Bedeutung als im wirklichen Leben. Die BEWEISE für sich sind nichts, sie können sogar einzeln gern und immer wieder von den Verschwörern und ihren Schergen, den Außerirdischen aus dem hohlen Mond oder von Zeitgenossen voller Nanoroboter mit so genannten "Argumenten" oder gar "gesicherten Fakten" widerlegt werden. Darauf geht man gar nicht weiter ein, denn von Hoagland lernen heißt siegen lernen. Was den BEWEISEN Kraft gibt, ist ihre monotone Wiederholung, ihr Anklang an anderes GEHEIMES WISSEN, das sich überall in den gängigen Theorien zeigt, oft sogar nur, um zum besseren Gelingen der Verschwörer von der WIRKLICHKEIT abzulenken. Ich formuliere das gern gebetsmühlenhaft in dem Satz: DIE BEWEISE SIND ERDRÜCKEND!!!EINS!!ELF!!!

Die Vorschläge zur Rechtschreibung sind nicht schlecht, allerdings hat sich bei mir ein etwas anderer stil bewährt: die gemäßigte kleinschreibung und der satz, dessen entfaltung in unmengen von kommata und semikolonnen so verwirrend wird, dass dem leser das durchdringen seiner verdörrten aussagen -- gern auch mal mit einem gedankenstrich und einem wirren themenwechsel, denn die verschwörung ist allumfassend und WIR WERDEN ALLE STERBEN -- so gut wie unmöglich gemacht wird, denn in solcher wüste des unbeholfenen ausdruckes (man beachte die betont antiquierten genitiv- und dativ-endungen, die ich mit großer hingabe pflege, um einen oberflächlichen eindruck des gebildetseins zu erwecken) zeigt sich die wahre meisterschaft der darlegung wirren gedankengutes. Ist dieser satzbau erst einmal gemeistert -- an die gemäßigte kleinschreibung gewöhnt man sich als schreibender sehr schnell -- so kann an der nächsten stufe der darlegungskunst gearbeitet werden, an der kunstsprache, die mit unvertrautem ausdrucke einen einblick in eine welt vermittelt, an der kein geistig gesunder mensch gern anteil haben mag. Auch die geeignete sprache findet sich leicht, zum einen im vermeiden dieser gräßlichen anglizismen, indem das völlig unfühlsame wort von den "aliens" vermieden wird und an seiner statt durchgängig von DEN ANDEREN die rede ist, zum anderen in hübschen neubenennungen wie "atmosphärenkonverter" für "automobil" -- denn DIE ANDEREN, wenn sie im jahre 2012 aus dem inneren des hohlen mondes auf die dann hinreichend deterraformte erde übersiedeln und wenn ihre schergen hienieden auf erden ihre neue heimat im inneren des mondes und mit einem pioniertrupp auch auf dem zurzeit im umbau befindlichen planeten mars beziehen werden, möchten ja ihr vertrautes atemgas mit dem für ihre verstoffwechselung erforderlichen anteil von zyklischen kohlenwasserstoffen und der angemessenen temperatur haben. Ja, das war endlich ein punkt.

Wichtig bei DEN BEWEISEN sind natürlich die quellen. Es ist klar, dass die nasa ein wichtiger helfer in der großen verschwörung ist, die dazu führen wird, dass im jahre 2012 der größte teil der menschen auf der erde -- es gibt hienieden zurzeit mitnichten nur menschen -- sterben wird, und zwar keineswegs aus den gründen, die immerfort von den verschwörern und helfern der anderen propagiert werden, zurzeit sogar mit der großen gehirnwaschmaschine hollywoods durch Emmerichs 2012-film. Dennoch muss ständig material von der nasa als BEWEIS verwendet werden, denn die verschwörer sind ziemlich unfähig; die millionen menschen, die diese ganzen fälschungen bislang gesehen haben, sind blind und der AUFKLÄRER durchschaut im zähen ringen mit seinem wahns... ähm... DEN FAKTEN alles.

Nur mit dem Geldmachen habe ich noch keine Ambitionen... ;-)

Es ist übrigens unglaublich, wie viele Leute auf eine derartige Satire hereinfallen und bereit sind, noch den größten Bullshit für bare Münze zu nehmen. Da hilft es auch nicht, dass ich Markierungen mit lustigen Sonderzeichen mache, um Wörter wie Wahrheit™, Wirklichkeit® oder Beweis© völlig unübersehbar als unernst auszuzeichnen. Etliche Kommentare (ich lasse alles stehen, was mich nicht gerade vor Gericht bringen kann) sind noch satirischer als das wirre Zeug, das ich selbst erzeuge, wenn ich mal wieder in den Aussatz meines Hirnes prügele. Und dabei wollte ich nur ein bisschen Satire auf jene Stolperstellen des Internet machen, über die ich eben immer wieder einmal stolpern muss.

Übrigens: Die treffenste Bezeichnung für das Internet ist in meinen Augen "Offene Form der geschlossenen Anstalt".

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