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3.
April
2010

Was ist dran an Kijimea?

Geschrieben von Michael Hohner am 3. April 2010, 18:52:09 Uhr:

Ich sehe einen neuen Trend. Asien ist OUT, Afrika ist IN. Nein, hier geht es nicht um Tourismus, Musik oder Kunst, es geht um die sogenannte Alternativmedizin. Offenbar ist die jahrhundertealte Tradition der asiatischen „Heil”-Kunst nicht mehr mysteriös genug, und deshalb muss die noch ältere Tradition von Afrika ran.

Prominent in der TV-Werbung macht sich das neue Produkt Kijimea bemerkbar, und mit einer diffusen Metapher vom löchrigen Schild eines stolzen Massai-Kriegers wird dem Konsumenten erklärt, dass Kijimea irgendwie das Immunsystem verbessert.

Wenn man genauer nachbohrt, dann stellt man fest, dass es wieder mal nur um Probiotika geht. Und genau wie bei der Konkurrenz gibt man sich wissenschaftlich und deklariert die Wirkung als „in klinischen Studien nachgewiesen”, ohne jedoch ins Detail zu gehen. Erst auf Nachfrage erfährt man dann von einer einzigen prospektiven Studie, die als Beleg für die Wirksamkeit dient.

In dieser Studie nahmen 250 Teilnehmer Kijimea oder ein Plazebo ein. Das Auftreten und die Verläufe von Erkältungskrankheiten wurde erfasst. Das Ergebnis:

[…] the improvement of bowel functions was confirmed for both active formulations (P<0.001). A significant decrease in the total length of respiratory episodes (-1.51 d; P<0.001 in the group C and -1.39 d; P<0.001 in the group D) and in the length of cough (-3.08 d; P<0.001 in group C; -2.83 d; P<0.001 in group D), cold (-1.02 d; P=0.019 in group C; -1.32 d; P=0.001 in group D) and flu episodes was reported. The severity of episodes recorded a statistically significant drop in regard to episodes considered as a whole, the cold and flu classes in both groups and for cough too in group C. The number of episodes also dropped considerably in terms of overall episodes, cold (group C) and flu.

Es bleibt unklar, wieviele der Probanden überhaupt in der Studienphase erkrankten, für wieviele Personen also überhaupt relevante Daten erfasst wurden (es ist anzunehmen, dass nicht alle 250 Teilnehmer krank wurden). Die Studiengröße ist also in Wirklichkeit kleiner als die angegebenen 250 Personen. Die Probanden, die erkrankten, waren grob 1½ Tage kürzer krank. Die Häufigkeit der Erkrankungen „sank merklich”. Man beachte die Wortwahl! Wenn keine konkreten Zahlen angegeben werden, dann ist anzunehmen, dass der Unterschied zwar zählbar (eben „merklich”), aber nicht statistisch signifikant war.

Das Abstract lässt im Unklaren, wie lange die Einnahme dauerte, in welchen Mengen, wie randomisiert wurde, und ob das Plazebo auf Tauglichkeit untersucht wurde.

Auch die Ärztezeitung hat über diese Studie berichtet. Jedoch ist dieser Bericht nicht mit dem Abstract der Studie in Deckung zu bringen. Die Ärztezeitung berichtet nur von 2 Phasen, und die Zahl der Probanden und die Ergebnisse stimmen nicht überein. War das wirklich die gleiche Studie?

Wenn diese eine Studie nicht reicht, dann wird von Kijimea noch die folgende Erklärung nachgeschoben:

Der Darm bildet die größte Grenzfläche zwischen Organismus und Außenwelt. Um die schädlichen Einflüsse abwehren zu können, hat der Mensch ein spezielles, in der Schleimhaut des Darmes verankertes Immunsystem (darmassoziiertes Immunsystem) entwickelt. Es schützt den Organismus und leitet gleichzeitig aus den gewonnenen Erfahrungen Strategien für die Abwehr von Eindringlingen in der Zukunft ab. Das Repertoire des Immunorgans Darm umfasst also Abwehrfunktion und Lernmöglichkeit gleichermaßen. Diese Funktionen bleiben nicht auf den Verdauungsbereich beschränkt: Was die körpereigenen Abwehrzellen im Immunorgan Darm erlernen, wenden auch in anderen Körperregionen wie z.B. den Atemwegen an, in die sie über den Blutkreislauf gelangen. Unter diesem Aspekt wird verständlich, wie eine Immunreaktion, die ursprünglich im Darm ausgelöst wurde, sich letztlich auf den gesamten Organismus auswirken kann.

Sorry, aber diese Erklärung ist Humbug. Was das Immunsystem im Darm kennenlernt, sind bestenfalls die Antigene der Probiotika. Damit ist das Immunsystem allenfalls in der Lage, einem Infekt mit eben diesen Laktobazillen schneller entgegenzutreten. Für eine Infektion mit Influenza oder den verschiedenen Erregern von grippalen Infekten ist das nicht relevant. Es hilft nichts, das spezifische Immunsystem mit den falschen Antigenen zu trainieren. Es müsste schon die unspezifische Immunabwehr verbessert werden. Dafür ist obiges jedoch keine Erklärung.

Auch die auf der Webseite aufgelisteten Wirkmechanismen sind nicht sonderlich plausibel bezogen auf Erkrankungen der oberen Atemwege:

  • Reduzierung der Erreger durch Milchsäure (nicht relevant bei den oberen Atemwegen)
  • Verhindern des Eindringens von Erregern durch die Darmwand (nicht relevant bei den oberen Atemwegen)
  • Stärken der immunologischen Abwehrmechanismen (s.o.)
  • Steigern der Mineralstoffabsorption

Die Erreger der Influenza oder der grippalen Infekte infizieren die oberen Atemwege direkt. Die Erreger wandern nicht erst über den Darm. Ein spezifisches Training mit Laktobazillen oder ein unspezifisches Stärken der Darmbarriere kann deshalb diese Infekte nicht verhindern.

Fazit

Insgesamt sehe ich für Kijimea keine bessere Nachweislage als für z. B. Actimel. Dafür ist Kijimea aber nochmal doppelt so teuer wie die bereits nicht ganz billigen probiotischen Joghurts. Wie sieht also die Kosten-Nutzen-Analyse aus?

Die Anwendungsempfehlung von Kijimea ist:

Kijimea 1x täglich (bei Bedarf 2x) pur oder in kalte Flüssigkeit ohne Kohlensäure (z.B. Wasser, Joghurt, Saft) eingerührt verzehren. Mindestens zwei Wochen lang, besser vier Wochen.

Die Probanden in der Studie haben (lt. Ärztezeitung) Kijimea 90 Tage zu sich genommen, nicht nur 28 Tage. Bei einem UVP von 47,71€ für 28 Portionen (1,70€/Portion) kosten diese 90 Tage also 153€. Eine Anwendung über die gesamte Wintersaison (man möchte den Nutzen ja schließlich nicht nur über 90 Tage haben) kostet 306€ (180 Tage), eine ganzjährige Anwendung 620€. Das ist ziemlich viel Geld für eine 1 bis 2 Tage kürzere Erkältung.

Und was das Ganze mit Afrika zu tun hat? Im Grunde nichts.

Kategorien: Junk Science, Nahrungsergänzung

3
Kommentar #1 von martin am 4. April 2010, 13:26:47 Uhr:
Mir gefällt die Kategorie "Junk Science", denn anders kann man es gar nicht nennen. Liegt dir nur der Abstract vor? ich könnte u.U. über meine Freundin das gesamte Paper organisieren.
Kommentar #2 von maxi ollert am 11. Mai 2010, 15:41:52 Uhr:
Also ich muss sagen, dass Kijimea mit Actimel nicht vergleichbar ist. Mir hats mein arzt empfohlen, nachdem ich monatelang nen grippalen Infekt mit mir rumgeschleppt habe und den überhaupt nicht los geworden bin. Hab mich auch erst über das Produkt informiert und in der Apotheke gefragt: Von der Dosierung her ist Kijimea um ein Vielfaches höher als Actimel oder andere Probiotika und die hatten dort bisher sehr gute Erfahrungen damit, also hab ichs trotz des zugegeben hohen Preises ausprobiert und mir hats sehr gut geholfen. Hab mir ne 4-Wochen-Packung gekauft für ca. 40 euro und nach der ersten Woche gings mir schon deutlich besser, hab den Rest dann auch noch genommen und bin nun seit 3 Monaten beschwerdefrei. Es wird ja auch nicht behauptet, dass man das das ganze Jahr nehmen soll. Also 40 Euro war mir das auf jeden Fall wert.
Kommentar #2-1 von Michael Hohner am 14. Mai 2010, 15:24:29 Uhr:
Frage: Woher weisst du denn, dass es Kijimea war, was die Besserung bewirkt hat, und nicht eines der vielen anderen Dinge, die du sicher in der gleichen Zeit getan hast, oder ob der Körper letztlich selbst mit der Infektion fertiggeworden ist?

Um solche Fragen zu klären werden klinische Studien angestellt, in denen man die Randbedingungen kontrollieren kann und den Verlauf genau dokumentiert. Auf diese Weise werden die üblichen Unzulänglichkeiten von anekdotischen Behandlungsberichten und des menschlichen Gedächtnisses reduziert und Fehlschlüsse wie z.B. der Bestätigungsfehler vermieden. Einzelne Anekdoten wie oben können eine Heilwirkung weder bestätigen noch widerlegen.

Dummerweise wurde in der oben zitierten Studie ausdrücklich nicht die Heilwirkung von Kijimea bei akuten Infekten untersucht, sondern die vorbeugende Wirkung über einen längeren Zeitraum. Auch der Hersteller verkauft Kijimea nicht als Heilmittel, sondern als Nahrungsergänzung. Wenn dein Arzt Kijimea als Heilmittel empfohlen hat, dann basiert diese Empfehlung jedenfalls nicht auf einer nachgewiesenen Wirkung.

Kommentar #3 von Claudia Mueller am 14. Mai 2010, 10:13:38 Uhr:
Also, mir hat Kijimea auch geholfen und mich dadurch überzeugt. Mir wurde es in der Apotheke empfohlen und ich habe zwar auch erst gezögert wegen des hohen Preises, aber es hat gewirkt. Und deswegen kann ich es auch weiterempfehlen.
Kommentar #4 von Tatjana Müller am 18. Mai 2010, 02:24:48 Uhr:
An Michael Hohner:
Also,Michael, klugscheißen (Du tust ja nichts anderes als das) kann jeder. Du hast anscheinend keine eigenen Erfahrungen mit Kijimea gemacht und, wie es scheint, weder kennst Du Dich mit Probiotika aus.Wenn man ernst krank wird, dann probiert man jedes Strohalm, ungeachtet den Preis.
Ich kann das Produkt nur empfehlen an alle: Denn ich hatte mit Kijimea einen über 3 Monate bestehenden Nierenabszess geheilt. Und ich schwöre auf dieses Produkt.
Das wirksamste Bestandteil des Präparats ist Lactobacillus rhamnosus in 15-30-facher Konzentration als in anderen probiotischen Nahrungsergänzungsmitteln. Diese Milchsäurebakterienart übt auf das Immunsystem größeren Einfluss als z. B. L. acidophilus oder L. casei, v.a., was die gynäkologischen und Harninfekte anbetrifft.Insgesamt enthält Kijimea 30x10 hoch 9 Laktobazillen, was bis jetzt mit keinem Mittel vergleichbar ist.
Kommentar #4-1 von Michael Hohner am 18. Mai 2010, 19:15:09 Uhr:
Da du dich anscheinend besser mit Probiotika auskennst, dann kannst du sicher die klinischen Studien zitieren, die eine therapeutische Wirkung von Kijimea (oder anderer Probiotika) bei Nierenabszessen belegen.

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